Medikamentenrückstände belasten zunehmend unser Wasser

Mikroschadstoffe und Rückstände von Medikamenten stellen zunehmend eine Belastung für unser Wasser dar. Das deutsche Umweltbundesamt fordert eine weitere Reinigungsstufe in Klärwerken und verschiedene Einrichtungen arbeiten an neuen Verfahren, um Schadstoffe aus dem Wasser zu filtern. Doch welche Rolle spielen Privathaushalte dabei und warum müssen gerade sie für dieses Thema sensibilisiert werden?

Alarmierende Fakten

Der Verbrauch an Arzneimitteln liegt in Deutschland bei rund 30 000 Tonnen jährlich. Diese enthalten um die 2300 unterschiedliche Inhaltsstoffe. Davon fallen etwa 1100 auf Elektrolyte, Peptide, Vitamine, die keine direkte Umweltbelastung darstellen. Die anderen 1200 Medikamentenwirkstoffe gelten jedoch als umweltschädigend und potentiell schädlich für unsere Gesundheit. Dazu gehören beispielsweise Diclofenac, Carbamazepin (Entzündungshemmer), Ibuprofen (Schmerzmittel), der Pillenhormonwirkstoff Ethinylestradiol sowie Sulfamethoxazol (Antibiotikum). Diese gelangen durch Ausscheidung der Patienten, unsachgemäße Arzneimittel-Entsorgung über Toilette und Spüle sowie Herstellungsverfahren der Industrie in unser Abwasser und können von konventioneller Klärwerks- und Wasseraufbereitungstechnik meist nur schwer oder überhaupt nicht rausgefiltert werden. Die Konsequenz: Medikamentenrückstände gelangen vermehrt in unser Grund-, Oberflächen und Trinkwasser. Ein Wissenschaftlerteam der Universität Lüneburg belegte, das die Hauptverursacher der zunehmenden Medikamentenrückstände im Wasser Privathaushalte sind, in denen Menschen die Medikamente entweder ausscheiden oder aber unbedacht einfach in der Toilette entsorgen.[1]

„… Viele der Stoffe wurden in der Vergangenheit auch deshalb nicht gefunden, weil eben nicht explizit danach gesucht wurde. Das Wissen über die Wirkung dieser Stoffe ist zum Teil nur sehr gering. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Vielzahl wird es auch in Zukunft nicht möglich sein, für alle Stoffe alle notwendigen Daten für eine Risikoabschätzung zu erheben. …“  aus Neuartige Spurenstoffe im Wasser von Prof. Dr. Klaus Kümmerer (Direktor des Instituts für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie)

Forderung einer 4. Stufe der Wasserreinigung

Bislang wird in deutschen Klärwerken in einem 3-stufigen System gereinigt:

  1. Stufe: mechanische Reinigung
  2. Stufe: biologische Reinigung
  3. Stufe: Phosphateliminierung

Das Umweltbundesamt (UBA) fordert eine 4. Stufe, dazu müssten aber deutschlandweit flächendeckend Klärwerke mit einer 4. Reinigungsstufe ausgebaut werden.

  1. Stufe: eine zusätzliche Oxidation mit Ozon und/oder eine Adsorption mit Aktivkohlefiltern, um Chemikalien aus dem Abwasser zu filtern

Die Wasserwirtschaft schlägt für die Finanzierung der Aufrüstung der Klärwerke eine Arzneimittelabgabe vor. Im Rahmen eines Gutachtens schätzt der Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) die Kosten für den Ausbau der 4. Klärstufe auf 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Um diese Kosten auf die Verursacher für Medikamentenrückstände im Wasser umzulegen, darunter Hersteller, Handel, Apotheken, Krankenkassen und eventuell die Patienten, könnte eine Arzneimittelabgabe von 2,5 Cent pro Tagesdosis auf jedes Medikament sinnvoll sein.[2]

Neben einer 4. Klärstufe sieht das Umweltbundesamt die Hauptaufgabe darin, den Stoffeintrag in das Abwasser möglichst gering zu halten. Insbesondere Pharmakonzerne müssen hierfür ihre Zulassungsverfahren offenlegen, aber auch die Verbraucher spielen eine große Rolle. Denn diese spülen unachtsam Arzneimittel die Toilette hinunter, mit weitreichenden Folgen.[3]

Denn die Rückstände haben nicht nur auf Menschen Auswirkungen, sondern besitzen auch gefährliche Effekte auf bestimmte Tier- und Pflanzenarten. So belegen Studien, dass beispielsweise bereits geringe Mengen Benzodiazepine im Wasser das Verhalten von Flussbarschen vollkommen verändern und so weitreichende Konsequenzen für das Ökosystem haben können.[4]

Bewusstsein schärfen

Die aktuelle Situation erfordert ein Umdenken und ein geschärftes Bewusstsein, vor allem auch bei den Verbrauchern. Denn die müssen wissen, dass Medikamente auf keinen Fall in der Toilette entsorgt werden dürfen und in den Hausmüll gehören. Das Umweltbundesamt sieht hier auch die Verantwortung bei den Ärzten und Apothekern, die den Umgang zur richtigen Entsorgung nur selten ansprechen.[5]

Medikamentenrückstände im Wasserkreislauf - 3Sat


[1] Herrmann, Manuel; Olsson, Oliver; Fiehn, Rainer; Herrel, Markus; Kümmerer, Klaus (2015). The Significance of Different Health Institutions and Their Respective Contributions of Active Pharmaceutical Ingredients to Wastewater. Environment International 85, 61-76.

[2] ZEIT ONLINE: Medikamentenrückstände - Wasserwirtschaft schlägt Arzneimittelabgabe für saubereres Wasser vor, https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-10/medikamentenrueckstaende-arzneimittelabgabe-wasserwirtschaft-trinkwasser-klaerstufe 2018

[3] Deutsches Ärzteblatt 2018; 115(22): A-1054 / B-886 / C-882

[4] Deutsches Ärzteblatt 2014; 111(20): A-889 / B-760 / C-722

[5] Deutsches Ärzteblatt 2014; 111(20): A-889 / B-760 / C-722

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